Woche 19 mit Endor: Das erste Mal

In den letzten viereinhalb Monaten mit Endor erlebten wir so viele erste Male, dass wir irgendwann aufgehört haben, sie zu zählen. Zwei werde ich aber nie vergessen: Das erste Mal, als wir ihn frei laufen liessen, und das erste Mal, als er allein Zuhause blieb. Letzeres geschah Anfang dieser Woche.

Es war komisch, als ich die Wohnungstür hinter mir schloss und neben mir nur der Mann stand. Diese Situation gab es so zum letzten Mal am 12. März. Damals, als Corona eine Biermarke war und wir uns auf den Weg nach Deutschland machten, um unseren Welpen abzuholen. Seither habe ich die Wohnung nur noch allein oder dann in Begleitung meiner beiden Männer, dem zwei- und vierbeinigen, verlassen. Bis letzten Montag.

Ich hielt gerade einmal eineinhalb Stockwerke durch, von unserer Wohnungstür bis zum Ausgang des Hauses, bis ich den Mann bat auf der Webcam – moderne Technik ist für Glucken etwas Grossartiges – zu überprüfen, ob Endor schon Zetermordio schreit. Tat er nicht. Stattdessen lag er friedlich und ahnungslos über den grossen Moment in seinem Auslauf und kaute an einer Rindersehne.

Zehn Minuten später, als wir uns im Selbstbedienungsrestaurant des Supermarkts um die Ecke, an einen Tisch gesetzt hatten, bot sich uns auf dem Handydisplay dasselbe Bild und ich getraute mich endlich durchzuatmen. Mit jedem Check – vermutlich etwa alle fünf Minuten – lies meine Anspannung ein bisschen mehr nach. Und als ich sah, dass er den Sprung vom Kauen zum Schlafen geschafft hatte, fing ich an, mein Mittagessen zu geniessen.

Wieso dieses erste Mal für mich so bedeutsam war? Zwei Gründe. Erstens: Allein bleiben ist für Hunde schwierig. Nichtsdestotrotz muss Endor es lernen. Denn irgendwann werde ich zumindest teilweise wieder im Büro arbeiten müssen und er wird mich nicht immer begleiten können. Zweitens: Ich mag keine Situationen, deren Ausgang ich nicht kontrollieren kann. Einfach zu vertrauen, dass es gut kommt, fällt mir schwer. «Taking a leap of faith», sagen die Engländer. Für mich gibt es keine passendere Redewendung als diese, um das Gefühl zu beschreiben, als ich am Montag das Haus verliess. Und «Faith» bedeutet eben nicht nur Vertrauen, sondern auch Glauben und der fehlt mir als Agnostikerin.

Ein zweites erstes Mal, das mich ähnlich viel Überwindung kostete, war, als wir Endor zum ersten Mal draussen im Wald frei laufen liessen. Die Gründe waren dieselbe: Durch das Lösen der Leine gab ich die Kontrolle, die ihn wortwörtlich an mich band, ab. Nun konnte ich nur noch hoffen und vertrauen, dass er sich dafür entschied, in unserer Nähe zu bleiben und zu hören, wenn ich ihn rufe. Letzteres hatten wir wohlbemerkt über mehrere Wochen mit ihm geübt.

Entgegen meiner Befürchtungen – in meinem Kopf spielte sich ein Film ab, wie Endor auf Nimmerwiedersehen durch den Wald türmt – blieb unser vierbeiniger Begleiter auch den Rest des Spaziergangs auf Sichtdistanz und preschte jedes Mal, wenn wir seinen Namen riefen, begeistert zu uns.

Und die Moral der Geschichte oder zumindest die Lektion, die ich aus den beiden Erfahrungen gelernt habe: Ich sollte nicht so geizig mit meinem Vertrauen sein. Vor allem mir und meinem Bauchgefühl gegenüber, das spürt, wann unser Hund bereit für den nächsten Schritt ist. Das Tempo, das es diktiert, mag gemächlicher sein als bei anderen. Aber wie ging schon wieder die Fabel mit der Schildkröte und dem Hase aus? Der Hase hat das Rennen jedenfalls nicht gewonnen. Ich glaube, er wurde von einem Hund gefressen. Oder so ähnlich.