Woche 17 mit Endor: Lektionen für den Hund, Lektionen für mich

Damit der gemeinsame Alltag funktioniert, muss unser vierbeiniges Familienmitglied und ich als Hundehalterin viel lernen. Die Lektionen für Endor heissen «Rückruf», «Reiz-Gewöhnung» und «Alleinbleiben», meine nennt sich «Nachsicht».

Du darfst nicht hochspringen und nicht am Tischbein nagen. Du sollst kommen, wenn ich dich rufe, und sitzen, wenn ich es dir sage. Du musst lernen, allein zu bleiben und mit dem Lärm am Bahnhof umzugehen. Und bitte geh an der Leine, ohne dabei in alle Richtungen zu zerren; auch wenn es einen Meter links von uns gerade sehr, sehr spannend riecht.

Das Leben als kleiner Hund muss anstrengend sein. Damit Endor einmal in unserer Welt, in unserem Alltag und mit uns zurechtkommt, muss er vieles lernen. Und einiges davon, wie zum Beispiel das Alleinbleiben, widerspricht sogar seiner Natur. Denn Hunde sind Rudeltiere und deshalb am glücklichsten, wenn sie in unserer Gesellschaft sind.

Die Liste der Themen, die wir aus der Hundeschule mitnehmen, und denjenigen, die aus unserer Sicht zusätzlich anstehen, ist so lange, dass sie manchmal sogar mich überfordert. Denn am liebsten würde ich alle gleichzeitig angehen. Dafür reicht aber die Zeit nicht. Nicht weil wir sie nicht in unserem Alltag finden würden, sondern weil Endor ein Kind, maximal ein Jugendlicher ist – letzte Woche wurde er sechs Monate alt – und noch nicht so lange und so häufige Trainings verträgt.

Vergessen wir das zwischendurch wieder einmal, kriegen wir postwendend die Quittung. Unser Hund ist dann überdreht, verwechselte Hände mit Kauspielzeug, reitet auf und findet keine Ruhe. Das gilt es an erster Stelle ihm und an zweiter Stelle uns zuliebe zu vermeiden. Nichtsdestotrotz fällt es mir schwer. Denn das Training mit ihm macht mir Spass und auch er ist – ausser er hat gerade einen vorpubertären Anfall – mit Begeisterung bei der Sache. Zudem habe ich Angst davor, zu wenig zu trainieren und dadurch etwas zu verpassen.

Während die Lektionen für Endor «Rückruf», «Reiz-Gewöhnung» und «Bleiben» heissen, nennt sich meine «Nachsicht». Ich muss lernen zu akzeptieren, dass es in Ordnung ist, wenn die Pfoten unseres Vierbeiners wieder einmal auf unserem Tisch landen und er sich zur Begrüssung nicht geduldig hinsetzt, sondern mich stürmisch anspringt.

Dass es in Ordnung ist, bedeutet nicht, dass ich ihn in diesen Situationen nicht korrigiere. Es bedeutet nur, dass ich kein Recht habe, mich darüber zu ärgern. Denn es ist weder seine Schuld noch mein Versagen, sondern schlicht vermessen, von einem sechsmonatigen Welpen perfektes Verhalten zu erwarten. Intellektuell leuchtet mir das ein. Es zu verinnerlichen, fällt mir trotzdem schwer.

Das hat nichts mit Endor, aber ganz viel mit mir zu tun. Denn auch von mir erwarte ich Perfektion. Erfülle ich meine eigenen Ansprüche nicht – das passiert immer wieder, da sie unverhältnismässig hoch sind –, ist das für mich schwierig. Und zwar so richtig, Denn darin, Nachsicht mit mir selbst zu haben, versage ich komplett.

Für Endor will ich es lernen. Denn nur, wenn ich mit ihm nachsichtig sein kann und es gleichzeitig mit mir als Hundehalterin bin, werden wir einen entspannten Alltag finden. Und das ist das Ziel, nicht die Perfektion.