Woche 10 mit Endor: Wie weit wir gekommen sind

Endor und ich haben viele gute und einige weniger gute Tage. In den schwierigen Momenten erwische ich mich manchmal dabei, wie ich mich über ihn ärgere. Das ist unfair. Er ist noch ein Kind und kann und muss sich nicht immer perfekt verhalten. Zudem gibt es «uns» erst seit zweieinhalb Monaten. Dafür sind wir miteinander schon weit gekommen.

Seit zwei Wochen gehen der Mann, der Hund und ich am Montagabend in die Hundeschule. Von unserer Trainerin, ihrer Art und ihrem Wissen bin ich begeistert. Wir haben von ihr schon viel gelernt und konnten zwei Fehler, die wir bisher gemacht haben, korrigieren. Die Hundeschule ist aber auch anstrengend. Vor allem für Endor. Sich eine Stunde lang zu konzentrieren und die anderen kläffenden Welpen auszuhalten, ist für ihn eine grosse Leistung. Zurück zu Hause dauert es nach dem Fressen jeweils nicht lange, bis er tief und fest schläft. Tags darauf war er die letzten zwei Male unkonzentrierter, hat uns vermehrt angesprungen und unsere Hände wieder häufiger mit Kauspielzeug verwechselt.

Eine verständliche Kompensation der Herausforderung des Vorabends, wie uns unsere Trainerin erklärte. Nichtsdestotrotz: Einen Hund auszuhalten, der einem von einer Minute auf die nächste – und aus meiner Sicht grundlos – anspringt, braucht Nerven. Und die habe ich nicht immer im selben Ausmass.

«Tief einatmen. Tief ausatmen. Er ist noch ein Kind. Er darf das. Tief einatmen. Tief ausatmen. Du bist die Erwachsene. Lass dich nicht ärgern. Tief einatmen. Tief ausatmen. Er wird sich gleich wieder beruhigen.»

Diese Momente gehören dazu und es gilt, sie, wenn möglich mit stoischer Ruhe, zu ertragen. Was mir dabei hilft: Der Vergleich zu früher. Denn ein schlechter Tag heute, ist immer noch besser als ein guter Tag früher. In den ersten Wochen versuchte der Kleine nämlich nicht ab und zu meine Finger in die Schnauze zu kriegen, sondern jedesmal, wenn sie in seiner Reichweite waren. Entspanntes kuscheln oder streicheln; undenkbar. Regelmässige Sprungintermezzos und Zerrspiele mit unseren Ärmeln sind noch weniger lange her.

Woche-19-2

Es ist erstaunlich, wie schnell ich das vergessen habe. Ich – und vermutlich auch der Rest der Welt – neige dazu, alles, was gut läuft, für selbstverständlich zu halten und nur das zu sehen, was nicht funktioniert. Das ist unfair. Dem Hund gegenüber und mir selbst gegenüber. Denn mit 19 Wochen ist Endor noch immer ein Kind und mit zweieinhalb Monaten Erfahrung stehe ich als Hundehalterin noch ganz am Anfang. Natürlich hat er seine Energie nicht immer unter Kontrolle. Natürlich ist mein Timing manchmal daneben.

Statt mich darüber zu ärgern, sollte ich mich über das freuen, was wir schon alles miteinander geschafft haben. Und das ist eine ganze Menge. Das Bleiben funktioniert unterdessen nicht nur in der Wohnung verlässlich, sondern auch im Garten hinter dem Haus. Wenn wir am frühen Morgen im Wald unterwegs sind, läuft Endor frei und kommt, wenn wir ihn rufen. Im Auto fährt er jetzt in seiner Box im Kofferraum mit; meistens ohne Gezeter. Wenn es Schlafenszeit ist und wir ihn in seinem Auslauf bringen, kommt er innerhalb weniger Minuten zur Ruhe.

Und das sind nur vier Beispiele von vielen. Grund genug, heute einfach einmal ein bisschen stolz auf uns und den besten Hund der Welt zu sein. Die Zweifel werden sich früh genug zurückmelden.