Wie der Mann den ersten Urlaub mit Hund rettete

Damit, dass die Woche mit Endor am Brienzersee anders als unsere bisherigen Ferien werden würde, habe ich gerechnet. Wie sich herausstellte, war aber auch meine Vorstellung unseres ersten Urlaubs mit Hund noch weit weg von der Realität. Schlimm war das nicht; dank dem Mann.

Die letzten zehn Jahren verbrachten der Mann und ich unsere Ferien im Ausland; mit Vorliebe auf anderen Kontinenten. Wir erkundeten fremde Länder und immer öfter deren Wanderwege. Länger als drei Nächte blieben wir selten an einem Ort und tagsüber waren wir meistens von früh morgens bis kurz vor dem Abendessen unterwegs.

Diese Art des Reisens ist nicht mit einem jungen Hund kompatibel und so schmiedeten wir für 2020, schon lange vor Corona, andere Pläne. Die Wahl fiel auf eine Woche Campingferien am Brienzersee. Zugegeben etwas Pseudo-Campingferien. Denn wir verbrachten die sechs Nächte nicht im Zelt – dafür sind wir zu alt und zu bequem –, sondern in einer Mietunterkunft, einem kleinen Bungalow, auf einem Campingplatz.

Für uns, verglichen mit unseren früheren Reisen, völlig unspektakulär, für unseren Vierbeiner, der seit er bei uns ist, noch nie auswärts übernachtet hat, jedoch hochgradig aufregend: Angefangen bei den langen Autofahrten über die neue Umgebung zum Schlafen, Pinkeln und Spazieren, die vielen fremden Menschen und Hunde bis zur ungewohnt lauten Geräuschkulisse. Um nicht noch Unmengen weitere neue Eindrücke obendrauf zu packen, unternahmen wir bewusst wenig und verbrachten viel Zeit in unserem Bungalow, genauer gesagt auf dessen Veranda.

Der Hund döste die meiste Zeit vor sich hin – zur Ruhe kam er zum Glück sehr schnell –, während der Mann und ich Spiele spielten, lasen oder miteinander redeten. Jeden zweiten Tag durchbrachen wir unseren Aktionsradius von wenigen hundert Metern und fuhren mit Endor für einen Spaziergang an einen schönen Ort.

Beim ersten Mal versuchten wir es noch mit einer kurzen Wanderung. Das funktionierte überhaupt nicht. Endor zerrte ununterbrochen und ohne Einsicht an der Schleppleine, sodass wir nicht vom Fleck kamen. Im Rhythmus «drei Schritt vorwärts und zwei zurück» braucht man für sechs Kilometer eine gefühlte Ewigkeit und in der Realität über zwei Stunden.

Auch wenn Endor nichts dafür kann – mit meinen Nerven war ich schon nach der ersten halben Stunde am Ende und hätte ihn am liebsten «s’Tobel durab gschossa». Das tat ich natürlich nicht. Stattdessen verringerten wir bei jedem Spaziergang die Strecke und die Erwartungen und testeten verschiedene Strategien gegen das Ziehen aus. Beim dritten Anlauf, an unserem letzten Urlaubstag, hatten wir den Dreh raus und das Spazieren machte wieder Spass.

Dieser Prozess war nicht harmonisch und auch den Mann hätte ich am liebsten hinter dem Hund «s’Tobel durab gschossa», wenn er mit seinen neunmalklugen Vorschlägen nervte, aber er war lehrreich. An der Schleppleine gezogen hat Endor seither auch Zuhause nicht mehr. Und das ist nicht das einzige, was unser Hund aus dieser Woche mitgenommen hat. Nach der Abhärtung auf dem Campingplatz schläft er in unserer Wohnung jetzt überall protestlos – im Büro, in der Küche, im Wohnzimmer. Zumindest bis es an der Tür klingelt.

Neben den Lektionen gab es aber auch Sternstunden. In den Ferien übernachtete Endor zum ersten Mal mit uns im Schlafzimmer. In der Nacht zog er den Fussboden vor, am Morgen hüpfte er aber jeweils zu uns aufs Bett. Meistens schmiegte er sich dann mit dem Bauch nach oben an mich, damit ich ihn kraulen konnte. In diesen Momenten ging nicht nur mir, sondern auch dem Mann das Herz auf und ich denke, es geht nicht mehr lange, bis der Hund auch Zuhause bei uns schlafen wird.

Müsste ich nochmals einen ersten Urlaub mit Hund planen, ich würde es wieder genauso machen. Einfach ohne die erste Wanderung. Vom Berner Oberland haben wir zwar nur sehr wenig gesehen, was schade ist, dafür haben wir und vor allem Endor sehr viel gelernt, was wertvoll und wichtiger ist. Denn das Berner Oberland wird auch noch da sein, wenn der Hund grösser ist und dann fahren wir einfach nochmals hin und holen alle die verpassten Ausflugsziele nach.

Dass ich so begeistert von diesem Urlaub berichten kann, verdanke ich dem Mann. Als rastloser und sportlicher Mensch konnte ich die entspannten Ferientage nur geniessen, weil ich zwischendurch ausbrechen durfte. An zwei Tagen übernahm der Mann den Hundehütedienst alleine und ich ging wandern; einmal aufs Augstmatthorn und einmal aufs Brienzer Rothorn. Ohne diese Touren wäre meine Laune nach spätestens drei Tagen eine andere und vermutlich eine Zumutung für alle Menschen und Hunde um mich gewesen.

Deshalb an dieser Stelle wohlverdient und ganz öffentlich: Danke, Hendryk. Danke, dass du dich nicht nur um die Bedürfnisse von Endor kümmerst, sondern mir auch hilfst meine zu erfüllen.