7. Monat mit Endor: Mein liebstes Pubertier

Mit neun Monaten ist ein Kind noch ein Säugling. Ein Hund hingegen befindet sich bereits mitten in der Pubertät. Der Vorteil der schnellen Entwicklung: Die schwierigen Phasen halten weniger lang an. Der Nachteil: Sobald man meint, man wisse, wie sein Vierbeiner funktioniert, hat er sich schon wieder verändert.

Wenn ich mir alte Bilder von Endor anschaue, kann ich nicht glauben, wie klein – etwa sechs Kilogramm – und flauschig – sehr – er war, als er vor rund einem halben Jahr bei uns einzog. Den Welpenfluff hat er schon lange verloren und aus dem tapsigen Kind ist ein schlaksiger Halbstarker geworden. Die Welt wird jetzt durch wache Augen beobachtet und lautstark kommentiert, wenn sie ihm nicht zusagt. Und auch uns motzt er schon einmal an, wenn es mit der Futterzubereitung zu lange dauert.

Mit einer Lebensdauer von gerade einmal 10 bis 15 Jahren entwickeln sich Hunde rasend schnell. Wenn man das wie wir zum ersten Mal erlebt, ist es schwierig, mit allen Veränderungen Schritt zu halten. Denn jede Phase ist wieder neu und birgt Herausforderungen, für die wir noch keine Lösungen kennen. Bis wir neue Strategien entwickelt, getestet und für gut befunden haben, ist Endor meist schon wieder einen Schritt weiter und wartet mit der nächsten Aufgabe auf uns.

Dieser Prozess ist spannend, zeitweise – willkommen liebes Pubertier – aber auch äusserst herausfordernd.

Bei uns fing es vor drei Wochen in der Hundeschule an: Endor interessierte sich auf einmal nicht mehr für uns. Und zwar so gar nicht. Sein Fokus galt allem anderen; den Hunden, der Wiese und den Büschen. Dabei wurden sogar die Leckerlis – egal ob Käse, Wurstscheiben oder Hackfleisch – ignoriert und zur Not auch wieder ausgespuckt. Und wohlbemerkt: Eigentlich ist Endor, typisch Retriever, unglaublich verfressen. An Trainieren war so nicht zu denken und das einzige, was den Abend rettete, war, dass er, zurück in der Garage und ohne Ablenkung, den Futterbeutel einwandfrei in meine Hand apportierte.

Die Hoffnung, dass sein Verhalten an der Situation in der Hundeschule lag, zerschlug sich tags darauf. Während er in der Wohnung auf mich hörte, wurde ich, sobald wir draussen waren, für ihn zu Luft. Selbst mit dem Wissen, dass der Kleine nichts dafürkann, war das für mich nur schwer auszuhalten. Denn in letzter Zeit waren unsere Geländespaziergänge und Trainings in der Natur zum Höhepunkt meiner Tage geworden. Und auf einmal waren sie das nicht mehr.

Der Liebe tat dies keinen Abbruch. Aber ich mochte ihn manchmal etwas weniger.

Da die Situation anhielt, begann ich nach Lösungen zu suchen. Während einer Geschäftsreise, mit etwas Abstand und nach der Lektüre diverser Artikel über die Hundepubertät hatte ich endlich eine Idee: Vielleicht hilft eine bessere Belohnung, damit er es schafft, diese höher zu priorisieren als die Umweltreize? Und siehe da: Auf unserem nächsten Spaziergang mit Rinderfett, dem hochwertigsten Energielieferant überhaupt, als Leckerli, hatte der Halbstarke wieder Interesse an mir.

Das war vor eineinhalb Wochen. Seither wird unser Miteinander jeden Tag wieder harmonischer. Das heisst nicht, dass jedes Kommando ohne Bocken – «Muss ich das jetzt wirklich machen?» – ausgeführt wird, aber dass wir nun wieder zusammenarbeiten können. Und zwar ohne permanente Machtkämpfe.

Ich bin froh, haben wir diese schwierige Phase hinter uns gebracht und geniesse die gute Zeit, die wir gerade haben, unglaublich. Denn ich bin sicher: Die nächste Herausforderung wird nicht lange auf sich warten lassen. Alles andere wäre langweilig. Denn einen Hund zu erziehen, ist ja nicht per se schon spannend genug.

Und bevor sich jemand Sorgen macht: Wir überwachen Endors Gewicht sehr genau, um sicherzustellen, dass er durch das Fett weder zu schnell zunimmt und wächst noch dick wird.