6. Monat mit Endor: Der Hund der mich zur Hundehalterin machte

Woran ich noch nie gezweifelt habe: Ich liebe Endor und er bereichert mein Leben ungemein. Was ich bereits mehrfach in Frage gestellt habe: Bin ich – trotz fehlender Erfahrung in der Lage, aus ihm einen gut erzogenen und ausgeglichenen Hund zu machen?

Folgendes vorab: Ich fotografiere Endor immer noch wöchentlich – diese Bilder stelle ich laufend auf Instagram – , habe aber beschlossen, die Frequenz der Texte zu reduzieren. Das hat zwei Gründe: Erstens fehlt mir teils die Zeit, sprich ich möchte sie anderweitig einsetzen, zweitens brennt mir nun, da sich der Alltag mit Hund etwas eingespielt hat, nicht mehr jede Woche ein Thema unter den Nägeln. Und ich bin überzeugt: Man sollte nur dann reden oder schreiben, wenn man auch etwas zu sagen hat.

Als wir uns vor eineinhalb Jahren entschieden haben, dass wir einen Hund wollen, wussten wir nicht, was dies bedeuten würde. Wir waren blauäugig und hochmütig. Denn auch wenn keiner von uns, weder der Mann noch ich, Erfahrungen mit Hunden hatten, waren wir überzeugt, dass wir das schon packen würden. Für zwei intelligente, reflektierte, praktisch denkende Menschen könne dies ja nicht so schwierig sein. Oder?

Als sich unser Traum erfüllte und Endor vor sechs Monaten bei uns einzog, kamen wir auf die Welt und ich so einige Male an meine Grenzen. Das letzte halbe Jahr war das intensivste, das ich bisher erlebt habe. Und mit Corona hatte das nur sehr wenig zu tun. Meine Aufmerksamkeit galt ganz meiner neuen Aufgabe als Hundehalterin, so dass mir selbst eine globale Pandemie nicht mehr als einen Nebengedanken wert war.

Es gab und es gibt Tage, da fühle ich mich dieser Aufgabe gewachsen. An diesen sehe ich die Fortschritte, die Endor macht, bin unglaublich stolz auf ihn und auch ein bisschen stolz auf mich. Es gibt aber auch Tage, an denen ich befürchte, alles falsch zu machen und von Hundeerziehung keine Ahnung zu habe. Letztere sind natürlich nicht schön. Denn wenn ich eines weiss, dann dass ich für Endor nur das Beste will. Ob ich das immer bin? Wahrscheinlich nicht. Ob das jemand anderes immer wäre? Vielleicht jemand mit mehr Erfahrung öfters, aber sicher auch nicht immer.

Fakt ist aber, irgendein Hund muss der erste sein. Dieser eine zu sein, hat für Endor sicher Nachteile, wie zum Beispiel unsere Unerfahrenheit, gleichzeitig aber auch Vorteile – ob ich bei einem zweiten Hund mein Tun wieder so stark reflektieren werde, wage ich zu bezweifeln.

Was mir hilft, wenn die schlechten Tage und die Zweifel überhand nehmen, ist mir in Erinnerung zu rufen, dass weit weniger als die Hälfte der Menschen dysfunktional ist. Wäre es eine solche Bürde, ein Erstgeborener zu sein, wäre dem so, da jede Frau im Durchschnitt nur 1,7 Kinder auf die Welt bringt und grosszieht.

Was Erste aber gemeinsam haben: Sie haben für immer eine spezielle Rolle inne. Denn egal, wie viele Hunde ich noch haben werde – und ich bin mir sicher, ich werde jeden einzelnen lieben  – so wird Endor immer der Hund bleiben, der mich zur Hundehalterin machte. Der Hund, der mir die Tür zu einer neuen Welt öffnete. Der Hund, der mich lehrte, wie schön und wie schwer es ist, für ein Lebewesen Verantwortung zu tragen.