Woche 5 mit Endor: Über Fehlentscheide und Vorwürfe

Eigentlich sollte dies ein positiver Text werden. Er sollte darüber erzählen, wie grosse Fortschritte Endor und ich im ersten gemeinsamen Monat gemacht haben. Dann passierte gestern Abend: Endor hatte eine schlechte Begegnung mit einem anderen Hund und ich mache mir deswegen grosse Vorwürfe.

Wie hoffentlich jede Hundehalterin will ich nur das Beste für meinen Sprössling. Schliesslich obliegt es meiner Verantwortung, dass aus ihm ein entspannter, sicherer und glücklicher Hund wird. Trotz bester Vorsätze, manchmal schafft man es nicht, diesem Anspruch gerecht zu werden. So erging es mir gestern.

Wie üblich fuhren wir – der Mann, der Hund und ich – am Abend auf unsere Wiese für einen kurzen Geländeausflug. Der Anfang war vielversprechend: Auf dem Parkplatz begegnete Endor einer alten vierbeinigen Bekannten und lernte eine Collie-Dame kennen. Ich stellte fest: Im Umgang mit anderen Hunden ist er vorsichtig, wagt sich aber immer mehr.

Als unser roter Wirbelwind aufdrehte, ging es auf die Wiese und weiter zum Flüsschen. Alles wie immer, alles gut. Auf dem Rückweg zum Auto passierte es dann: Ein etwa dreimal so grosser Hund kam auf Endor zu. Erst freundlich, dann sehr schnell sehr forsch. Unser Kleiner geriet in Panik und trotz meins vehementen Einschreitens vergingen quälende Sekunden, bis ich ihn in meinen Armen in Sicherheit bringen konnte. Der andere Hund – ein siebenmonatiger Welpe, wie sich später herausstellte – war zu keinem Zeitpunkt aggressiv und Endor kam mit einem Schrecken; ich mit Vorwürfen davon: Wieso habe ich ihn nicht hochgenommen, als ich sah, dass der Hund nicht angeleint war? Normalerweise tue ich das immer, um genau das, was passiert ist, zu verhindern.

Dass ich Fehler mache und falsche Entscheidungen treffe, ist natürlich nichts Neues. Dass jemand anderes, für den ich verantwortlich bin, die Konsequenzen trägt, aber schon. Und das ist Scheisse – entschuldigt den Kraftausdruck, er ist an dieser Stelle angebracht.

Natürlich sind kleine Hunde nicht aus Zucker. Und wenn eine von zwanzig Begegnungen mit Hunden nicht gut verläuft, wird Endor wahrscheinlich kein lebenslanges Trauma davon tragen. Dass er drei Minuten später schon wieder an der Lachspaste nukelte, lässt zumindest darauf schliessen. Nichtsdestotrotz wünschte ich mir, ich hätte anders gehandelt und ihm diese Erfahrung ersparen können.

Noch schlimmer finde ich nur, dass ich weiss, dass es nicht das letzte Mal sein wird. Ich werde weitere Fehlentscheide treffen und Endor wird sie ausbaden müssen. Wahrscheinlich nicht noch einmal in dieser Situation – aus Fehlern lernt man bekanntlich –, aber in einer anderen. Zum Glück scheint unser Hund einen recht soliden Charakter zu haben, so dass er mein Versagen gut wegsteckt. Auf die Probe stellen, will ich es aber nicht. Und Vorwürfe werde ich mir trotzdem machen. Jedes Mal.