Rotsteinpass, Alpstein

Wieso mein Weg auf den Säntis vor 30 Jahren begann

Er hätte auch Mount Everest heissen können, so unerreichbar war der Gipfel des Säntis 29 Jahre lang für mich.


Ich bin in einem kleinen Dorf im Appenzellerland aufgewachsen. Mit 1000 Einwohnern, mindestens so vielen Kühen und mit Blick auf den Säntis. Den höchsten Gipfel des Alpsteins sah ich jeden Tag. Aus meinem Kinderzimmer, unserem Wohnzimmer und später auch von meiner Schulbank aus. Interessiert hat mich das nicht. Denn Wandern war für mich die schlimmste Form von Folter und die Motivation, Berge zu Fuss zu erklimmen, würde ich erst viel später verstehen.

Saentis

Kurz bevor ich zehn Jahre alt wurde, fuhr ich zusammen mit meiner Familie mit der Schwebebahn auf den Säntis. In weniger als einer Viertelstunde ging es von der Schwägalp über schroffe Felswände hoch auf 2502 m ü. M. Das war ein spezielles Erlebnis, aber eines ohne Bedeutung. Wer aus einer wanderbegeisterten Familie kommt, der weiss: Es zählen nur die Gipfel, die man mit Muskelkraft bezwingt.

Alp Schofsboden

Eine Rolle in meinem Leben erhielt der Berg erst mehrere Jahre später, als meine Mutter und meine Schwester Pläne schmiedeten, ihn zu besteigen. Dieses Vorhaben planten sie ohne mich. Denn wandern hasste ich immer noch und zudem fehlte mir die nötige Ausdauer für die über tausend Höhenmeter. Der Berg wurde in dem Moment zum Symbol dafür, was meine Mutter und meine Schwester verband und mich von ihnen unterschied. Das schmerzte und erfüllte mich mit Neid, auch wenn ich keine Lust verspürte, mich auf diesen Gipfel hoch zu quälen.

Es vergingen weitere Jahre. In dieser Zeit geschahen zwei unerwartete Dinge: Meine Mutter und meine Schwester setzten ihren Plan nicht in die Tat um und – das ist das Erstaunlichere von beidem – ich begann zu wandern. Freiwillig und aus eigener Initiative. Erst machte ich mit meinem damaligen Freund und heutigen Mann Touren während unserer Urlaube im Ausland. Einen Umzug nach Graubünden später, wurde das Wandern zu unserer Leidenschaft und die Routen länger und anspruchsvoller.

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Die 1000-Höhenmeter-Grenze knackten wir trotzdem erst diesen Sommer, als wir spontan das Parpaner Rothorn auf der Lenzerheide erklommen. Einige Wochen darauf – dieses Mal geplant – taten wir es erneut und stiegen über 1500 Höhenmeter von Trin zur Alp Mora auf. Damit wurde der unerreichbare Säntis auf einmal machbar. Es galt nur noch, einen freien Tag mit gutem Wetter zu finden. Und das so schnell wie möglich. Denn ich wollte keinesfalls das Schicksal meiner Mutter und meiner Schwester teilen, die seit 15 Jahren nur von dieser Tour sprechen.

Lisegrat

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Letzten Samstag war es dann soweit: Der Berg war fällig. Mit dem Minimum wollten wir uns nicht zufriedengeben und so wählten wir eine der längeren Routen ab Wildhaus über den Rotsteinpass und den Lisegrat. Fünf Stunden, 1600 Höhenmeter und einen Regenguss später stand ich auf dem Säntis, meinem persönlichen Mount Everest.

Meine Schwester hat diesen Berg bis heute nie zu Fuss erklommen. Das mir das etwas bedeutet, mag kindisch sein, ist aber so.

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Alle Bilder dieses Artikels habe ich auf meiner Wanderung auf den Säntis aufgenommen.