Aussicht aus der Eschahütte, Graubünden

4 Tage, 3 Hütten 1 erstes Mal

Vier Tage in den Bergen, ohne Strassen, Häuser und mobiles Netz. Wenn einem alle Ablenkungsmöglichkeiten genommen werden, bleibt nur eines: Man konzentriert sich ganz auf das Hier und Jetzt. Und das ist wundervoll.


Das letzte Auto sah ich auf dem Flüelapasss. Dort stiegen wir aus dem Postauto und machten uns auf den Weg in die Berge. Den nächsten Anzeichen der Zivilsation – vorausgesetzt man zählt Berghütten und Alpbetriebe nicht dazu – würde ich erst vier Tage später, auf dem Albulapass, wieder begegnen. Dazwischen lag der Kesch-Trek mit drei Nächten in Berghütten, 50 Kilometer Weg und rund 2000 Höhenmetern aufwärts und abwärts.

Es war meine erste Hüttentour und so machte ich mir vor dem Abmarsch viele – rückblickend zu viele – Gedanken. Schaffe ich die Tages-Etappen mit Gepäck auf dem Rücken? Kann ich in der Nacht schlafen, wenn mein Bettnachbar im Massenlager schnarcht? Macht es mir überhaupt Spass, vier Tage am Stück zu wandern?

Sonnenaufgang auf der Grialetschhütte, Graubünden

Letztere Frage ist die Wichtigste. Und diejenige, die ich am lautesten mit «Ja» beantworten kann.

Wandern ist simpel. Man setzt einen Fuss vor den anderen, bis man am Ziel ankommt. Dabei müssen keine wichtigen Entscheide gefällt werden. Man muss nur wissen, ob man weitergehen oder Pause machen will. Ergibt man sich mehrere Tage diesem Rhythmus, stellt sich Ruhe ein. Dann scheint nicht nur das Wandern, sondern auch vieles andere einfach. Das klingt esoterisch – zumindest für meine Ohren –, aber ich empfand so. Und es war ein gutes Gefühl.

Ob ich das Gepäck auf dem Rücken gespürt habe? Natürlich, denn ich bin kein Übermensch. Aber der Rucksack fühlte sich jeden Tag etwas leichter an. Und das kann nicht alleine am schwindenden Energieriegel-Vorrat gelegen haben. Nichtsdestotrotz: Der Aufstieg zur Fuorcla Pischa auf dem Weg zur Es-cha-Hütte, unserer letzten Unterkunft, kostete mich mehr Energie und ich wählte für die rund 1000 Höhenmeter ein langsameres Tempo als üblich. Die Zufriedenheit, als ich den Pass überschritt, war dafür umso grösser. Alles, was man braucht, mit reiner Muskelkraft die Berge hoch und runter zu tragen, ist befriedigend.

Wanderschuhe

Auch meine Befürchtung, die ganze Nacht wachzuliegen, war unbegründet. Unruhiger als in meinem eigenen Bett schlief ich auf den Hütten aber schon. Denn die Zimmer sind ringhörig, die Matratzen liegen eng nebeneinander und ich lass mich leicht aus meinen Träumen reissen. Dank Ohrstöpsel hat mich die nächtliche Geräuschkulisse aber nie so stark gestört, dass ich am Morgen nicht erholt aufgewacht wäre.

Zusammengefasst: Mich hat die Wanderung auf dem Kesch-Trek begeistert. Fernab der Dörfer von Hütte zu Hütte zu wandern, hat mir so gut gefallen, dass ich es diesen Monat gleich nochmals tun werde. Dann im Schweizerischen Nationalpark.

Grialetsch-Huette

Genau so, wie man sich eine Berghütte vorstellt, sah unsere erste Unterkunft, die Grialetsch-Hütte, aus.

Wollgras

Die späten Abendstunden und frühen Morgenstunden in den Bergen waren für mich die schönsten Momente der mehrtägigen Tour. Denn diese erlebt nur, wer dort übernachtet.

Gebetsfahnen

Waschlappen, die Gebetsfahnen der Alpen. Natürlich fein säuberlich auf der Wäscheleine aufgehängt.

Aussicht aus der Keschhütte, Graubünden

Die Kesch-Hütte bot von den dreien den grössten Komfort. Für 5 Schweizer Franken konnte man hier sogar heiss duschen.

Ausblick Keschhuette

Fuorcla Pischa

Die Überquerung der Fuorcla Pischa war die anstrengendste, aber auch eine der beeindruckendsten Etappen der viertägigen Wanderung. Erst liessen wir die Baumgrenze und dann die Wiesengrenze unter uns.

Spielabend

Statt mit unseren Mobiltelefonen spielten wir am Abend miteinander. Auf den drei Hütten, in denen wir übernachteten, gab es kein Netz und geschweige denn WLAN. Zum Glück.

Dischma

Berguen

Zurück in der Zivilisation: Mit knapp 500 Einwohner ist Bergün nur ein kleines Bergdorf. Einen Kulturschock hatte ich trotzdem als wir unser Ziel erreichten. Denn dort gab es wieder mehr als zwei Wahlmöglichkeiten. Die Annehmlichkeiten – einen guten Latte Macchiato und eine heisse Dusche –, die das Hotel Kurhaus Bergün bot, genoss ich aber sehr.

Kurhaus Zimmerschluessel

Kurhaus


Einen Service-Teil sucht man in meinen Artikeln meist vergebens. Dieses Mal mache ich eine Ausnahme. Denn für meine Arbeit habe ich zusammen mit dem Bergführer-Aspirant Andy Steingruber eine Packliste für Hüttentouren geschrieben. Auf dem Kesch-Trek hat sie sich bewährt. Mein Tipp: Bloss nicht mehr mitnehmen. Wer sein Gepäck mehrere Tage auf dem Rücken trägt, bereut jedes Gramm, das er zu viel dabeihat.

Packliste